“Goethe oder Google?”, “Das Internet und Wir!” oder “Das Erlebnis ‘Leben’!”

Inspirationen für Blogposts sind bei mir zwar nicht unbedingt rar gesät, aber nur selten ringe ich mich letztlich wirklich dazu durch etwas zu schreiben (und auch zu veröffentlichen) – deshalb liebe ich Reisen und meine elektronische Schreibmittel, sei es das iPhone mit der passenden App oder das MacBook.
Ich befand mich nun also auf dem Weg nach Hannover und hatte als Lektüre für unterwegs den aktuellen Cicero (8/11) dabei. Allzu weit kommen tut man da innerhalb der einen Stunde von Bremen nach Hannover natürlich nicht, besonders, wenn man dann in Gedanken nach Seite 10 bereits den kommenden Blogpost (der größtenteils auf der Rückfahrt entstehen sollte) plant.

In der Rubrik “Stadtgespräch” fand sich der Artikel “Goethe oder Google?” von “til”.
Eric Schmidt (einer der Herren Google) hielt eine laut Artikel etwas selbst- und internetverliebte Rede “darüber, was das Netz im Allgemeinen und Google im Besonderen” alles könnten.
Niall Fergusson, seines Zeichens Wirtschaftshistoriker in Harvard, deklarierte: “Werden wir in Zukunft noch in der Lage sein, und länger als 30 Sekunden auf eine Sache zu konzentrieren? Werden wir noch Bücher lesen können, wie Goethes ‘Wahlverwandtschaften’?”
Darauf Schmidt: “Wäre interessant zu wissen, worüber sich Ihr Vater damals Sorgen gemacht hat…?”
“Wahrscheinlich darüber, dass ich Goethes Wahlverwandtschaften lese!”

In meinem Kopf sprudelten die Ideen aus allen Neuronen, die vermutlich reichen würden, um Bücher zu füllen, aber davon nehme ich wohl erstmal Abstand.

Lasst uns zunächst ein mal die Fakten klären:

Vermutlich kennen eine Menge Jugendliche und junge Erwachsene die folgende Situation:
Ein Elternteil weißt Euch mehr oder minder genervt darauf hin, dass Ihr doch mal Euer Handy zur Seite legen sollt, sowieso viel zu viel Zeit im Internet und am PC verbringt und/oder stellen zum 27 mal die Regel klar: “Im Restaurant bleibt das Teil aber in der Hosentasche!”

Das geschieht – logischerweise – nicht ganz grundlos; Unsere Elterngeneration möchte uns schließlich nichts Böses, im Gegenteil, sie fürchten die Folgen für unsere offensichtliche Sucht nach der medialen Welt und unserem scheinbar nicht zu stillenden Mitteilungsbedürfnis und fragen sich, was bloß aus uns werden soll. Häufig fällt vermutlich der Satz: “Früher hatten wir sowas nicht! Wir konnten uns noch ganz anders beschäftigen!”
Mit Goethe zum Beispiel. Nun, ich neige dazu, sollte ich meinen Gegenüber dafür als passend einschätzen, die Gegenfrage zu stellen: “Und wenn ihr es gehabt hättet? Hättet ihr Euch dann auch mit etwas anderem beschäftigt?”

Es ist unbestreitbar, wir sind die mediale Generation, die Generation “i”, wenn man so will, aber der ewige Generationenstreit ist doch bei Weitem nicht neu, ganz im Gegenteil, wie viele Bücher sind bereits erschienen (und wie viele werden es noch?), die sich mit der Folge-, Vorgänger- oder einfach der aktuellen Generation beschäftigen? Meiner Meinung nach zu viele. Ich habe leider vergessen wo, doch vor kurzem las ich einen Artikel zu eben jenem Thema, der zum Teil besagte, dass doch selbst die Schüler der Neunten Klasse bereits die Siebtklässer nicht mehr verstehen, über sie lästern und denken “So bekloppt waren wir nicht.” –  Es mag sogar wahr sein, doch von einem rationalen, subjektiven Standpunkt aus betrachtet komplett irrational. (Klingt komisch, ist aber so!)

Zeiten ändern sich. So trifft es sich nun, dass ich und vermutlich ein Großteil meiner Leser in eine Zeit der medialen Veränderung und des medialen Fortschritts geboren wurden – wir können es nicht ändern, dass wir uns statt mit Goethe eben mit E. Schmidt, Steve Jobs und in nur 140 Zeichen auseinander setzen müssen – und zwar müssen, nicht können. So wie es als Todsünde gegolten haben mag, einen Goethe nicht zu lesen, ist es heute nun mal eher selten und gilt als uncool nicht online aktiv zu sein (wobei die Ausnahme wie immer die Regel bestätigen mag).
Die mediale, virtuelle Welt, das Internet at its best, IST Teil unseres alltäglichen Lebens geworden und wird es umso verstärkter werden, je älter unsere Generation wird. Ob schädlich oder voranbringend sei mal dahingestellt, de facto ist eine Internetpräsenz allerdings auch für jede Firma praktisch unabdingbar – wo bitte soll sich denn unsereins informieren?! (Was bitte ist ein Telefonbuch? Wir haben doch Kollege Schmidt auf unserer Seite, zwei Klicks und es läuft!)

Der Prozentsatz an jungen Leuten, der auch nur einen Goethe außerhalb der Schule gelesen hat, ist wahrscheinlich kaum bildlich darzustellen, der derer, die in der Schule mussten und es auch mit mehr oder minder großem Elan wirklich taten, vermutlich immer noch denkbar klein. Das ist keine Schande, Goethe war ein hochinteressanter, talentierter Mann, doch auf die heutige Welt haben die Schmidts, Jobs, Gates und Zuckerbergs dieser Welt nun einmal mehr Einfluss – und wenn ich in 40 Jahren sage “Damals, da hatten wir nur 140 Zeichen, das war uns Luxus genug! Ihr hier mit Euren 3-D Hologrammen und Beam-Technologien!”, dann weiß ich zumindest, dass die Kette des Generationenstreits nicht abgerissen ist – wäre doch auch schade, um die vielen Bücher, die noch geschrieben werden wollen.

[s∂]

P.S. (Ich Narr.)

Ich möchte abschließend ein paar Worte sagen. Ich verurteile niemanden, der nicht bei Facebook, Twitter und/oder Konsortien angemeldet beziehungsweise aktiv ist. Ganz im Gegenteil: Ich bewundere und mag Menschen, die ein bisschen anders sind und ihren eigenen Kopf haben. Ich bin ja selbst einer, der als Kind keine Burger und keine Cola mochte, der noch nie Kaugummi mochte und sich nur in den richtigen und wichtigen Momenten dafür interessiert, was andere über ihn denken. Aber darum geht’s hier ja gar nicht. Ich bin weiß Gott oft genug (und früher auch zu exzessiv) online aktiv. Es gab’ eine Zeit, da hatte ich nicht all zu viel zu tun, mittlerweile könnte es ruhig etwas weniger sein, de facto ist das Internet aber ein Ort, an dem ich mich ein wenig Ausleben kann.
Aber auch ich habe mich in Bezug auf das Netz bereits geändert, nutze es anders und “intelligenter”, versuche eine gewisse Klasse im Netz zu wahren. Kurz nach dem Artikel, der mich zu oberem inspirierte, las ich etwas darüber, dass die Masse und die… nun ja… “iPhonekiddität” des Internets schade sei. Dem muss ich (leider) zustimmen. Viel verändert sich, aber das ist doch genau der Effekt, den ich oben beschrieb – wir, die etwas gekannt haben oder kennen, das sich ändert (und zwar scheinbar zum schlechten) können uns damit nicht immer einfach so arrangieren. Auch ich kann das nicht immer – aber auch das gehört zum Lauf der Dinge dazu. Menschen ändern sich, die Dinge ändern sich, Freundschaften entstehen und zerfallen, die Jahre ziehen dahin, und letztlich geht es doch darum, das bestmögliche Erlebnis “Leben” zu haben.

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  1. Meinen größten Respekt für diesen Beitrag! Was für ein Wortschatz und Gedankengänge! ;)

    Das “Zum Schreiben durchringen” kenne ich selbst nur zu gut. Meistens werden Posts nach der Hälfte des Verfassens wieder gelöscht oder auf ewig in die Entwürfe-Kategorie verdammt.

    Ein paar Worte zu der Aufmerksamkeitsspanne, dem Wandel der Jugend und Herrn G.:
    • Ich stockte kurz als du Goethe mit Schmidts & Co. verglichen hast. In meinen Augen ist Goethe ein Schriftsteller, Künstler usw. wohin gegen Schmidts, Jobs und alle anderen Konzern-Riesen, Geschäftsmänner, kurz gesagt, Bosse sind. Natürlich sind die alten Literaturriesen auch große Männer gewesen, aber auf einer ganz anderen interlektuellen Ebene. Hier stellst du Kunst gegen Geschäft.
    • Die Aufmerksamkeitspanne verfliegt leider, ja. Ich bin erst 20, lese viel und habe Spaß daran. Mein Bruder, 16, hingegen hat noch nie ein Buch zu Ende gelesen. Auch wenn ich heutzutage Kinder, kaum älter als 12, mit ihren iPhones und anderen Smartphones rumhampeln sehe beobachte ich das immer mit gemischten Gefühlen. Wie du schon sagtest, der Wandel der Zeit, aber die Frage, wann man damit anfangen sollte beschäftigt unser hochgepriesenes Bildungs- und Erziehungssystem *hust* schon seit langem. Ärgern tut es mich aber auch schon, wenn ich mit Freunden einen trinken bin oder wir was Essen und man redet mit Menschen, die dauernd auf ihren Screen glotzen. In meinen Augen ist das unhöflich.
    Ich will weiterhin aber auch gar nicht wissen, was die Generation x sagte, als ihre Nachfolger y mit TV, Radio und elektronischen Piepern anfing ;)
    Das Internet und alles was damit zusammenhängt ist eine eigene Epoche ohne die heutzutage nichts mehr laufen würde. Genauso wie davor das Industriezeitalter und davor und davor und davor. Ich persönlich finde es nur wichtig, Werte und künsterlisches Gut zu erhalten und weiterhin zu lehren.

  2. Dankeschön. :)

    True story. Leider. Aber wir jammern auf höchstem Niveau…

    Ich stimme Dir im Großen und Ganzen in beiden Punkten absolut zu.

    Kunst mit dem Geschäft zu vergleichen ist arg schwierig. Einen wirklich passenden Vergleich zu finden ist aber auch gar nicht so einfach: Kunst im Sinne von kulturell hochwertiger Kunst wird leider in kaum einem Bereich gehyped (wie wir letztens beim Herren Deluxe feststellen mussten ;) ). Und in gewisser Weise ist so eine Homepage oder auch ein Mac ja auch schon ein Kunstwerk (in sehr modernem Sinne) – wenn auch nicht eigenhändig von Jobs, Schmidt und Co. vollendet, so doch zumindest von ihnen vermarktet.

    Ich (15) war besonders in meinen Jugendjahren versessen nach Büchern (sicherlich einer der Gründe für Schreibkünste!) – aktuell lese ich wahrscheinlich immer noch überdurchschnittlich viel, aber für mich persönlich immer noch nicht genug. Andererseits würde ich gerne alles, was ich tue, noch intensiver tun, also muss das nichts heißen. Besonders meine Urlaube genieße ich dann aber eben doch am liebsten mit einem Buch auf der Liege – und am besten ohne jegliche elektronischen Geräte!
    Agreed. In unserem Haushalt gab es bis zu meinem … (ich glaube) zehnten Lebensjahr keinen Internetanschluss – mit dem kommenden Wechsel auf die weiterführende Schule entschloss sich meine Mutter dann dazu (gerade beim Gymnasium im Nachhinein eine weise Entscheidung), aber mit Limits und dem wachsamen Auge, das von den Deutschen Eltern gefordert wird. Liegt, meiner Meinung nach, wie so vieles zumindest zum Teil auch an der Erziehung. Ob man mit 12-14 ein Smartphone “braucht” (wann benötigt man es als Privatperson schon _wirklich_?) halte ich auch für fraglich, aber vor ein paar Jahren hielt man es für das Alter eben für fraglich, ob ein Handy nötig sei… ;)
    Menschen, die dann auch Jahre später (ich sag mal grob 15+) in welcher sozialen Situation auch immer nicht von ihrem Gerät loskommen, kann ich nicht verstehen. Das hat, wie Du sagtest, mit höflichem Umgang, gegenseitigem Respekt und gutem Stil zu tun, dass ich mich dann unterhalte und nicht sonstwas im Netz nachlese.

    Auch hier stimme ich Dir wieder zu. Eine gewisse Kultur, eine gewisse Klasse sollte bei aller Liebe zur Technologie und zum Fortschritt doch zu wahren sein!

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